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Landschafts- und stadtgeschichtlicher Überblick

 

Geschichte
Rudibert Ettelt

 
Die Gegend um Kelheim zählt zu den reicheren und sehr ergiebigen
Fundstätten der Vorgeschichte. Von der Altsteinzeit an lebten hier
Menschen entlang der Altmühl, zahlreiche Höhlenfunde belegen
ihre Existenz. Auch in den folgenden Abschnitten der geschichtlichen
Entwicklung siedelten in diesem Gebiet Menschen, besonders während
der Urnenfelderzeit. Von da an war Kelheim Mittelpunkt eines dicht besiedelten
Gebietes, das, geschützt durch die Befestigungen auf dem Michelsberg,
zwischen den Einmündungen des Donau- und Altmühltales in das
breitere Kelheimer Becken liegt.
 

In keltischer Zeit beschützten zwei starke Wallanlagen die
Siedlung Alkimoennis, die der antike Geograph Ptolemaeus erwähnt.
Dieser lebte im zweiten nachchristlichen Jahrhundert. Schon zur Zeit der
Geburt Christi, so schilderte der damals lebende Geograph Strabo,
siedelten nördlich der Donau germanische Stämme, die
Hermunduren und die Markomannen.

Diese Germanenstämme hatten offenbar
Jahrzehnte vor Christi Geburt die gesamte keltische Herrschaftsstruktur
zerstört, so daß die befestigten Höhensiedlungen - es gibt deren
in unserem Bereich mehr, z. B. der Ringberg und die Wälle über Kloster
Weltenburg - schon vor Ankunft der Römer verlassen waren. Die keltische
Katastrophe war so vollständig, daß es heute den Archäologen nur
langsam gelingt, diese Epoche der Geschichte genauer zu erforschen. An die
keltische Herrschaft erinnern rings um Kelheim die Hügelgräber in
den Wäldern sowie die kultischen Zwecken dienenden keltischen
Viereckschanzen.

 

Kelheim, bzw. Alkimoennis, muß ein bedeutender Herrschaftsmittelpunkt
gewesen sein, denn das Areal, das die ehemalige Wallanlage umschließt,
ist sehr umfangreich.

15. v. Chr. drangen römische Truppen erobernd in das Voralpenland ein
und besiegten ein Heer der Kelten. Damit wurden die Reste der vindelizischen
und keltischen Stämme der römischen Herrschaft unterworfen. Im Verlaufe
des ersten Jahrhunderts nach Christus erreichte die römische Expansion die
Donaulinie. Der sog. "nasse Limes" zog sich entlang der Hochterrasse über
die Donau bis hin nach Haderfleck.
Dort begann auf dem nördlichen Donauufer der sog. "trockene Limes", noch
heute als flacher Wall an vielen Stellen im Gelände erkennbar.
Wachtürme sicherten den Limes in regelmäßigen Abständen.
Kastelle lagen hinter dem Wall, z. B. in Eining, teils waren sie in die
Befestigungslinie mit einbezogen wie das kleine Kastell bei Saal. Einige
Grundrisse von sog. Burgi, befestigten Wehrtürmen, sind in den Wäldern noch
zu sehen. Kelheim lag also für Jahrhunderte an der Grenze des
römischen Weltreiches.

 

Der Limes hinderte die nördlich der Donau siedelnden Germanen,
weiter nach Süden vorzudringen. Die nördlich der Donau
siedelnden Germanen machten sich während der langen Friedenszeit
die zivilisatorische und kulturelle Überlegenheit der Römer
zunutze. Sie übernahmen die Kunst des Weinbaus und lieferten wohl
auch Hausteine aus den Brüchen, z.B. bei Kapfelberg.

Der Weinbau wurde von dieser Zeit an in größerem Umfange
bis in das 16., in verringertem Maße bis in das späte
18. Jahrhundert auf allen Donauhöhen, so weit sie Sonnenhänge
waren, betrieben. Die Kunst des Bierbrauens wurde hier in stärkerem
Maße erst im 15. und 16. Jahrhundert eingeführt.

Die römische Herrschaft endete im 5. Jahrhundert. Das nun schutzlose
und zum Teil entvölkerte Land wurde von den einwandernden Bajuwaren
in Besitz genommen. Die Einwanderung erfolgte vermutlich planmäßig
und nutzte bereits kultivierte Landgebiete entlang der Flüsse aus.
Geringe Reste der Urbevölkerung blieben, Kelheims späteres Stadtgebiet
gehörte zu den früh besiedelten Orten.

 

Ein bajuwarisches Reihengräberfeld im ehemaligen Altmühlfeld wurde
seit dem 6. Jahrhundert belegt. Die Siedlung nahm langsam an Zahl zu.
Doch erst im späten 9. Jahrhundert wird Kelheim erstmals urkundlich erwähnt.
Zwischen 865 und 885 datierte die Schenkung eines "Chrefting" in Celeheim an
das Domkloster St. Emmeram. Im 12. Jahrhundert wird eine zweite Ansiedlung
in schriftlichen Quellen genannt: Gimundi, d. h. Gmünd an der Altmühl.

Bis 1244 wurden Celeheim und Gimundi getrennt erwähnt. Man darf also
davon ausgehen, daß ursprünglich zwei Siedlungskerne existierten,
eine Siedlung an der Altmühl - Gmünd - und eine an der Donau - Kelheim.
Beide wurden durch einen Weg, der von Norden her kommend die Altmühl und
dann die Donau überquerte, verbunden. Die damit gegebene Lage der beiden
Ortskerne an einer wichtigen Straße und an zwei Flußübergängen
führte dazu, daß die Wittelsbacher, die seit dem 10. und 11. Jahrhundert in
unserem Bereich (Donaugau) die Grafschaft innehatten, diese Orte begünstigten
und sicherten. Die Donau war damals schon wieder ein bedeutender
Wasserweg. Der Flußübergang an dieser Stelle mußte militärisch
gesichert werden.

 

Dies geschah durch eine ausgedehnte Burganlage im Bereich des heutigen
Landratsamtes. Da derartige Anlagen an verkehrsreichen Orten errichtet
wurden, ist anzunehmen, daß im 10. und 11. Jahrhundert beide Orte an
Bevölkerungsdichte zunahmen, daß sich aber auch ein kleiner Markt
entwickelt hatte. Die Bezeichnung "Alter Markt" im Südosten der Altstadt,
dessen eigenartige Lage im späteren Altstadtviereck lassen vermuten, daß
hier der Kern für spätere städtische Entwicklung zu suchen ist.

1128 wird eine Kirche St. Mariae in Gimundi genannt. Sie war dem Kloster
Weltenburg zinspflichtig. Dieses Kloster zählt zu den ältesten Bayerns,
verdankt es doch seine Entstehung dem Wirken columbanischer Mönche
im 7. Jahrhundert. Mit großer Wahrscheinlichkeit errichteten die Mönche
damals entlang der Donau eine Reihe von Seelsorgemittelpunkten, die späteren
Pfarreien Gögging, Eining, Staubing, Weltenburg und Poikam (Buchheim).

Im Jahre 1150 belagerte König Konrad III. die Burg Kelheim im Verlauf von
Auseinandersetzungen zwischen Welfen und ihren staufischen Widersachern.

Die Bedeutung der Siedlungen an Altmühl und Donau nahm zu. Als 1180
die Wittelsbacher zu Herzögen von Bayern ernannt wurden, begannen sie,
eine Reihe von Städten zu gründen. Nach einer späteren Aufzeichnung
aus dem Kloster Rohr soll Kelheim 1181 zur Stadt erhoben worden sein.

 
1227 werden in einer Urkunde erstmals "cives", d. h. Bürger von Kelheim,
erwähnt. 1244 erfahren wir von einem Pfarrer von Kelheim, die Unterscheidung
in die erwähnten zwei Orte wurde aufgegeben.

Die Bürger der jungen Stadt, deren genaue Lage nicht bekannt ist, lebten auch
damals noch überwiegend von Landwirtschaft, Fischfang und Weinbau. Die
Fischlehen wurden vom Herzog vergeben. Die für diese Zeit typische
Dreifelderwirtschaft läßt sich noch an den Flurbezeichnungen Donaufeld
und Altmühlfeld ablesen. Nördlich der Stadt erstreckt sich ein großer
Waldkomplex, der "Ainwald". Schon im 10. Jahrhundert erhielt das adelige
Damenstift Niedermünster einen großen Teil des Forstes, daher die
Bezeichnung "Frauenforst". Kelheim besaß aber nach wie vor genau so wie die
übrigen umliegenden Gemeinden Rechte an diesem Wald. Sie gehen sicher auf
sehr frühe Zeit zurück. Einen Teil der Gründe vergaben die
Wittelsbacher in Erbpacht.
 

Deren Besitz in Kelheim konzentrierte sich entlang der Linie
Landratsamt - Weißbräuhaus - Stadtmühle. Hier lag der
frühere herzogliche Maierhof, der zugleich der Burg als Bauhof
zur Versorgung diente. In der Stadt lebten auch einige Geschlechter von
Kleinadeligen, z. B. die "Heren von Kelheim". Den Rest des Besitzes teilten
die Bürger unter sich auf. Aus dem ältesten Stadtplan ist unschwer
die ursprüngliche Hausanlage des fränkischen Dreiseithofes zu erkennen:

Wohnhaus, Hofeinfahrt, dahinter Hofraum und Wirtschaftsgebäude, in einem
regelmäßigen Viereck angeordnet. Außer Landwirtschaft, Weinbau und
Fischfang betrieben die Bürger Handwerke, Handel, Schiffahrt bzw.
Flößerei und Gastgewerbe.

 

Kelheims Erhebung zur Stadt geht vermutlich auf die den Bürgern
übertragene Aufsicht der Brückenwacht und Brückenreparatur
zurück. Der erste Teil des Stadtrechtes handelt vom sog. "Bruckhof".
Er war mit Grundstücken und Forstrechten ausgestattet. Der Bruckhof
an der Ecke Altmühlstraße - Stadtplatz diente später als
Rathaus. Das älteste Stadtrecht von Kelheim ist vor 1335 entstanden.
Wahrscheinlich reicht es zurück in die Zeit der Stadterhebung im
12. Jahrhundert. Es weist den Bürgern wirtschaftliche Selbstverwaltung,
kommunale Selbstverwaltung, das Recht der Bürgeraufnahme und die niedere
Gerichtsbarkeit zu. Das Stadtrecht wurde wohl durch Herzog Ludwig den
Kelheimer (1183 - 1231) erweitert und verbessert. Er wurde Mitte September
1231 von einem Unbekannten auf der Donaubrücke ermordet.
Das Tatmotiv blieb unklar, der Täter wurde sofort niedergemacht.
Herzog Ludwig soll an der mit einem Kreuz bezeichneten Stelle vor der
Ottokapelle in der Wittelsbachergasse gestorben sein.

Angeblich befand sich hier das frühere Donautor. Die heutige Kapelle wurde von
seinem Sohn zum Gedenken an den Vater hier errichtet. Bauliche Gründe
sprechen dafür, daß der Chor der Ottokapelle das alte Stadttor war.
Wenn dies zutrifft, erhielt Kelheim seine Altstadtform erst unter dem
Nachfolger Herzog Ludwigs.

 

Die Altstadt besteht aus einem Rechteck mit zwei sich kreuzenden
Straßenzügen, eine Form der Stadt, wie sie damals gerne
verwendet wurde (s. Neustadt a. d. Donau). Die Altstadt besteht aus
vier in etwa regelmäßigen Stadtvierteln, die im 16. Jahrhundert
folgende Bezeichnungen trugen: Rathausviertel (Stadtplatz Altmühlstraße,
Erasmusturm), Amans-Viertel (Stadtplatz, Donaustraße, Alter Markt),
Simon-Paurns-Viertel (Donaustraße, Lederergasse) und Demels-Viertel
(Ludwigstraße, Altmühlstraße, Stadtgraben, Hafnergasse).

Diese Altstadt wurde im 13. Jahrhundert mit einer Mauer umzogen. Drei Tore
führten in die Stadt. Außerhalb liegen noch heute Oberkelheim
(Fischerdörfl), Niederdörfl und Gmünd (Oberer und Unterer Zweck).
Die räumliche Anordnung dieser Vorstadtsiedlung weist noch auf den
ursprünglichen dörflichen Siedlungscharakter hin. Bis in unsere
Zeit erhielten sich im Fischerdörfl und in Gmünd noch Reste eines
besonderen und charakteristischen Lokalbewußtseins.

 

Kelheim war nie eine Reichsstadt, sondern herzogliche Landstadt, beschickte
aber seit 1273 die bayerischen Landstände. Im 13. Jahrhundert unterstand
Kelheim zuerst dem herzoglichen Pfleger in Abbach. Um 1280 entstand das
Pfleggericht Kelheim. Der Pfleger hatte seinen Sitz in den überresten der
herzoglichen Pfalz (heutiges Landratsamt). Der Flurname "Pflegerspitz" erinnert
noch heute daran.

Während der Pfleger die gesamte umliegende Landschaft verwaltet und hier
als oberster Richter fungierte, vertrat den Herzog ein Vogt in der Stadt, der hier
die herrschaftlichen Rechte wahrte. Die Stadt selbst wurde durch die
Bürgerschaft verwaltet, so weit ihr das Stadtrecht die Möglichkeit hierzu
einräumte. Zwei Kämmerer, ein Stadtschreiber und je sechs Mitglieder des
inneren und äußeren Rates regierten die städtischen Belange.
Der Stadtkammer gehörte das Brücken- und Pflasterzollgeld, sie verwaltete
den Bruckhof, die Stadtwaldungen, die Ziegel- und Kalkbrennereien und seit
dem 16. Jahrhundert das städtische "Braune Brauhaus"
(später Brauerei Ehrnthaller, inzwischen abgebrochen). Die Stadt verpachtete
die städtischen Gründe und erhob weitere Abgaben von Fall zu Fall.
Der Rat durfte Bürger aufnehmen und übte die Niedergerichtsbarkeit aus,
während die Hochgerichtsbarkeit dem landesfürstlichen Pfleger
vorbehalten blieb.

 

Kelheims wirtschaftliche Blüte fiel in die Zeit des Mittelalters.
Die Bausubstanz der Altstadt ist zumeist gotisch. Die Verlegung der
Fernhandelswege, wirtschaftliche Krisen sowie der Dreißigjährige
Krieg verminderten die Wirtschaftskraft und ließen die Stadt verarmen.
Besonders im 18. Jahrhundert hatten Stadt und Land durch die zweimalige
langjährige Besetzung durch österreichische Truppen arg zu leiden.

Während des Spanischen Erbfolgekrieges versuchten Kelheimer Bürger
unter Metzgermeister Matthias Kraus im Jahre 1705 die österreichische
Besatzung zu vertrieben. Der Handstreich glückte. Kurze Zeit später
machten österreichische Truppen dem Aufstand ein Ende. Matthias Kraus
büßte seine Tat mit dem Tode. Das Denkmal vor dem Donautor erinnert
an Kraus und seine patriotische Tat. Auch während des österreichischen
Erbfolgekrieges und der Napoleonischen Kriege mußten die Kelheimer vieles
erdulden. Besetzung, Requirierungen, Einquartierungen, Marsch- und
Verpflegungskosten. Im Jahre 1809 verhinderte die verkehrsabgelegene Lage,
daß Kelheim während der Schlachten von Langquaid und Eggmühl
in das direkte Kriegsgeschehen einbezogen wurde.

 

Im 19. Jahrhundert lag Kelheim vollends darnieder. Es lag abseits der
Poststraße Regensburg - Ingolstadt. Die Straße von Nürnberg über Hemau nach
Kelheim hatte viel von ihrer einstigen Bedeutung eingebüßt. 1803 wurde das
seit 1450 bestehende Franziskanerkloster aufgehoben. Kelheim verlor sein
altes Stadtrecht und wurde zu einer Landstadt III. Klasse abgewürdigt. Das
Pflegeamt hieß fortan Landgericht.
Beinahe alle früheren Stadtrechte wurden ersatzlos eingezogen.

Die kommunale Selbstverwaltung war fast erloschen. Der Bau des
Ludwig-Donau-Main-Kanals erwies sich als eine trügerische
Hoffnung. Der Kanal, eingeweiht am 15. Juli 1846, brachte nicht
den erwarteten wirtschaftlichen Aufschwung. Die seit der Mitte des
19. Jahrhunderts entstehenden großen Eisenbahnlinien
berührten Kelheim nicht. 1872 wurde die Trasse
Regensburg - Ingolstadt entlang der Poststraße geführt,
Kelheim erhielt 1875 eine Stichbahn von Saal bis zur Stadt.

 
Die großartige, an Griechenland erinnernde Landschaft um Kelheim
bewog König Ludwig I. von Bayern, auf dem Michelsberg ein Nationaldenkmal
zur Erinnerung an den Sieg über Napoleon (Völkerschlacht von Leipzig 1813)
zu errichten. König Ludwig wählte die Höhe des Michelsberges, die sich
zwischen den beiden Flußtälern der Donau und der Altmühl erhebt. Der
Bau erfolgte von 1842 bis 1863.

Der nach griechischen Vorbildern errichtete klassizistische Bau zog zwar viele
Besucher an, brachte aber nicht den erwarteten Fremdenstrom. 1863 war die
alte Holzbrücke über die Donau durch eine Eisenkonstruktion ersetzt worden,
die 1945 gesprengt wurde. Die schlechte Wirtschaftslage der Stadt bewog den
Magistrat 1882, die Errichtung einer Zellulosefabrik zu betreiben. 1879
war in Saal das erste Kalkwerk, 1888 jenes in Kelheim
(es wurde nur bis 1927 betrieben) gebaut worden. Im 19. Jahrhundert hatte
sich die Hausteinindustrie um Kelheim eine marktbeherrschende
Position erworben. Aus dem riesigen "Ihrlerstein" wurde die bekannte
Oberammergauer Kreuzigungsgruppe gefertigt. Danach erhielten die
Ihrlerschen Brüche in Walddorf die Bezeichnung "Ihrlerstein", die 1935 auf die
beiden Gemeinden Neukelheim und Walddorf übertragen wurde.
 

Der allmähliche wirtschaftliche Aufschwung der Stadt vor
dem Ersten Weltkrieg endete jäh nach dem Ende des Krieges.
Massenarbeitslosigkeit und politische Unruhe kennzeichneten die Lage.
Zudem mußte die Zellulosefabrik abgebrochen und in den Jahren 1925
bis 1928 durch einen Neubau ersetzt werden. Während der verheerenden
Wirtschaftskrise ab 1930 war jeder dritte Kelheimer arbeitslos. Während
der nationalsozialistischen Zeit entstanden die Zellwollefabrik (1935) und
die Süd-Chemie (1937). Seit 1923 bestand eine Parkettfabrik am Hohenpfahl
beim Bahnhof. Kelheim hatte somit konsequent den Weg der Industrialisierung
beschritten. In den Jahren vor 1939 nahm aber auch der Fremdenverkehr
stark zu. Im Verlauf der Verteidigung der Donaulinie im April 1945 befand sich
die Stadt in großer Gefahr. Beherzte Bürger übergaben Kelheim auf eigene
Gefahr den amerikanischen Truppen.

Das Stadtgebiet erweiterte sich 1937 um das Areal der Gemeinde Affecking.
1946 ordnete die Militärregierung die Eingemeindung von Gronsdorf nach
Kelheim an. Im Zuge der Gebietsreform vergrößerte sich die Stadt Kelheim
um Kelheimwinzer, Herrnsaal, Kapfelberg, Lohstadt und Gundelshausen,
Thaldorf, Weltenburg, Staubing und Stausacker.

 

Nach der Notzeit, die dem Kriegsende folgte und erst Jahre nach der
Währungsreform von 1948 einem anfangs zögernden wirtschaftlichen
Neuaufschwung Platz machte, ging man in Kelheim zügig daran, den
neuen Verhältnissen Rechnung zu tragen.

Die seit 1883 im Gange befindliche Veränderung der Gewerbestruktur
durch Industrieansiedlung setzte sich auch nach 1945 fort. Das Kelheimer
Tal wurde ein bedeutender Industriestandort. Zur gleichen Zeit verringerte
sich die Zahl der Landwirtschaften, trotz rechtzeitiger Umstellung auf Maschinen
und moderne Anbaumethoden. Der schon immer beengte Raum im Talkessel
wurde dringend benötigt, die vielen zugezogenen Menschen, Heimatvertriebene,
Flüchtlinge und Umsiedler unterzubringen. In besonderem Maße betrafen
diese Maßnahmen den Osten und Süden der Stadt, wo um Affecking bzw.
im Bereich der Bauer- und der Urnenfeldsiedlung weiträumige neue Stadtteile
emporwuchsen.

 
Die Bevölkerungszunahme stabilisierte sich schließlich um 1970
auf eine Zahl von etwa 13.000 Bewohnern im Stadtbereich, ohne die
Zuwachszahlen der eingemeindeten Ortsteile zu rechnen.

Der Ausbau der Versorgungseinrichtungen bildet einen dritten Schwerpunkt
der Kelheimer Nachkriegsgeschichte. Die Liste ist lang! Straßen- und
Brückenbauten, Krankenhaus, Altersheim, Sportstätten und Bäder,
Schulen und Kindergärten, schließlich das Archäologische
Museum im Herzogskasten.

Das produzierende Gewerbe war schon vor 1945 kaum noch vertreten gewesen.
Die Zahl der Geschäfte sank stark ab, neue, größere Geschäfte
etablierten sich. Fachgeschäfte und Unternehmungen mit gemischtem Angebot
ersetzten die gemütlichen, wenngleich auch relativ teuren
Einzelhandelsgeschäfte.
 

Trotz des Zustroms heterogener Bevölkerungselemente verschmolzen,
wie auch früher, die Neubürger rasch mit der alteingesessenen
Bevölkerung. Das rege und sehr differenzierte Vereinsleben beweist,
wie stark die Assimilationskraft Kelheims nach wie vor ist. Das
Zusammengehörigkeitsgefühl äußert sich sowohl in einem
politischen Bewußtsein, das scharfe Konfrontationen meidet, wie
auch in großzügig gestalteten und besuchten Festen, z. B. der
Jubiläumsfeier des Jahres 1981 (800 Jahre Stadtrecht).

Kelheim, seit 1972 Sitz der Verwaltung eines Großlandkreises, ist als
Mittelzentrum ein bedeutender zentraler Ort. Mit der Eröffnung des
Main-Donau-Kanals am 25.9.1992 gewinnt Kelheim unmittelbaren Zugang zum
Weltverkehr. Bereits heute zeichnen sich neue wirtschaftliche Impulse für
die Stadt ab. Der Umschlag im Kelheimer Industriehafen steigt kontinuierlich.
1995 wurden bereits 1,2 Mio. t Güterumschlag erreicht. Die
Großwasserstraße bringt der regionalen Wirtschaft Standortvorteile.

 

Der verbindende Kanal sorgte auch für eine
Zunahme des Fremdenverkehrs. Ein gut ausgebautes, begleitendes
Radwanderwegenetz und die Personenschiffahrt auf dem Kanal entwickelten
sich zu touristischen Anziehungspunkten.

Der Bau der Wasserstraße brachte auch gravierende
Strukturveränderungen der Altstadt Kelheims. Maßnahmen wie die
Umgestaltung der Altstadt, die Verkehrsberuhigung der Innenstadt, der Neubau
der Tangenten im Westen, Osten und Norden, die Umänderung einer
Stadteinfahrt, neue Brücken, zusätzliche Großparkplätze am Rande der Altstadt,
ökologische Ausgleichsflächen und Grünanlagen wurden durch die
Trassierung des Kanals quer durch das Stadtgebiet ausgelöst.
Hochwassermauern und Pumpwerke sorgen dafür, daß die gesamte Altstadt
nicht mehr durch Hochwasser gefährdet wird. Die städtebaulichen
Veränderungen führten zu einer neuen Lebens- und Wohnqualität der Altstadt.

 

 
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